Tagesziel: Esztergom, geplante Strecke: 150 km in 1,5h, Zwischenstopps: Burg Visegrád; Raus aus der großen Stadt hieß es dann aber trotzdem. Eine kurze Tagesetappe mit zwei fotografischen Höhepunkten lag vor mir, und für beide Locations waren der Nachmittag und besonders der Sonnenuntergang ideal. Ich entschied mich zunächst für die Gegend rund um die Burg Visegrád, die hoch über dem Donauknie thront und einst eine bedeutende königliche Residenz war. Vom Parkplatz direkt an der Donau führte mich ein steiler Kreuzweg hinauf zur Zitadelle, vorbei an kleinen Stationen und mit immer weiter werdenden Ausblicken auf den Fluss. Nach einer kurzen Besichtigung der Mauern und Aussichtsterrassen ließ ich meine Drohne aufsteigen, um die spektakuläre Schleife der Donau zusammen mit der Burg aus der Luft einzufangen – ein Panorama, das die strategische Bedeutung dieses Ortes eindrucksvoll verdeutlichte. Anschließend setzte ich meine Fahrt nach Esztergom fort, einer der ältesten Städte Ungarns, malerisch am Donauufer gelegen. Einst war sie die Hauptstadt des Landes und ist seit über 1.000 Jahren Sitz des Primas von Ungarn. Schon von weitem dominiert die gewaltige klassizistische Basilika das Stadtbild – die größte Kirche Ungarns und eine der größten Europas überhaupt. Der monumentale Bau erhebt sich über dem Burghügel, dem der Legende nach bereits Attila, der Hunnenkönig, als Residenz gedient haben soll. Direkt gegenüber, auf der anderen Seite der Donau, stand ich schließlich im slowakischen Štúrovo, das seit 2001 wieder über die neu errichtete Maria-Valeria-Brücke mit Esztergom verbunden ist – Jahrzehnte nachdem die ursprüngliche Brücke im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Von hier aus eröffnete sich mir ein nahezu perfektes Panorama: Im Vordergrund glitt die Donau ruhig und breit dahin, darüber erhoben sich majestätisch die gewaltige Basilika und daneben die Burg auf dem Hügel. Der Himmel zeigte sich wolkenlos, und ein lupenreiner Sonnenuntergang tauchte die gesamte Szenerie zuerst in warmes Gold und sanfte Rottöne, nur um in eine perfekte Blauen Stunde überzugehen. In diesem Moment verschmolzen Fluss, Architektur und Licht zu einem Anblick, der sich unauslöschlich einprägte. Im Anschluss zog es mich noch einmal hinauf zur Basilika selbst. Hell beleuchtet stand sie nun vor mir, ihre gewaltige Kuppel und die mächtigen Säulen strahlten in das dunkle Blau der Nacht. Aus nächster Nähe wirkte die klassizistische Fassade noch monumentaler, fast ehrfurchtgebietend. Ich nahm mir Zeit, die klaren Linien, die symmetrischen Formen und das warme Licht in Ruhe fotografisch einzufangen. So bekam dieser ohnehin besondere Abend einen würdigen, leuchtenden Abschluss.
Tagesziel: Andau, geplante Strecke: 50 km in 0,5h, Zwischenstopps: Schloss Esterházy, Fertö-Hanság-Nationalpark, Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel; Bereits am frühen Morgen war ich schon wieder auf der Straße – ein großes Glück, denn das Farbspiel der endlich wieder aufziehenden Wolken vor Sonnenaufgang war schlichtweg gigantisch. An einer verlassenen Autobahnausfahrt positionierte ich den Globetrotter in der weiten, stillen Landschaft und fing die leuchtenden Rot- und Orangetöne des Himmels ein, die sich langsam über den Horizont legten. Nur wenige Kilometer weiter wollte es der Zufall, dass ich am noch verschlossenen Schloss Esterházy vorbeifuhr. Zusammen mit dem vom nächtlichen Licht erhellten Innenhof wirkte die barocke Anlage beinahe wie eine Bühne, auf der sich Geschichte und Morgenstimmung begegneten. Das im 17. Jahrhundert errichtete Schloss war einst Residenz der einflussreichen Fürstenfamilie Esterházy und entwickelte sich zu einem bedeutenden kulturellen Zentrum Mitteleuropas. Besonders im 18. Jahrhundert erlebte es seine Blütezeit, als der Komponist Joseph Haydn hier viele Jahre wirkte und unzählige Werke schuf. Die prachtvolle Fassade mit ihren symmetrischen Flügeln und der weitläufige Ehrenhof zeugen noch heute vom Reichtum und Selbstbewusstsein der Familie. In der morgendlichen Ruhe, bevor die ersten Besucher eintrafen, hatte der Ort eine beinahe intime Atmosphäre – als hätte ich für einen kurzen Moment allein Zugang zu einem Stück europäischer Kulturgeschichte gehabt. Noch früh am Morgen parkte ich am südlichen Ende des Neusiedler Sees um mich wieder ein wenig der Vogelbeobachtung zu widmen. Dort, am auf ungarische Seite im Fertö-Hanság-Nationalpark genannten Teil konnte ich unter anderem Neuntöter, Löffelreiher, Fasane, Löffelenten und Säbelschnäbler beobachten. Im österreichischen Teil zeigten sich um die Mittagszeit viele Greifvögel und als besonderes Highlight ein Großer Brachvogel. Die abendliche Suche nach Großtrappen im Vogelbeobachtungsgebiet Waasen-Hanság blieb leider erfolglos.
Tagesziel: Bratislava, geplante Strecke: 100 km in 1h, Zwischenstopps: Waasen – Vogelbeobachtung, Fertö-Hanság-Nationalpark, Thebener Kogel – Sandberg; Am frühen Morgen versuchte ich noch einmal mein Glück, die Großtrappen vor die Linse zu bekommen. Doch die scheuen, meist am Boden lebenden Vögel blieben auch an diesem Tag unsichtbar. Stattdessen durfte ich von einem erhöhten Aussichtspunkt das langsame Erwachen der Natur erleben – Nebelschwaden über den Wiesen, erste Rufe aus dem Schilf, ein leises Rascheln im Gras. Manchmal ist genau diese Stille das eigentliche Geschenk. Zurück auf der ungarischen Seite streifte ich durch den bewaldeten Teil des Fert?-Hanság-Nationalparks, wo vor allem das rhythmische Klopfen der Buntspechte den Morgen begleitete. Der Wanderpfad führte durch ursprüngliche Erlenwälder, bis sich die Landschaft plötzlich zu einer offenen Moorfläche mit vereinzelten Baumgruppen öffnete. Dort zeigten sich endlich auch die ersehnten Seeadler: Vier saßen gleichzeitig auf einem kahlen Laubbaum in der Ferne, während zwei weitere hoch über der weiten Ebene ihre Kreise zogen – ein beeindruckender Anblick in dieser stillen Weite. Den Nachmittag verbrachte ich schließlich am letzten Vogelbeobachtungspunkt dieser Tour, dem Thebener Kogel. Der markante Hügel am Rand der Kleinen Karpaten besteht aus uralten Gesteinen, die in der frühen Erdgeschichte entstanden und heute als Ausläufer der alpinen Gebirgsbildung sichtbar sind. Seine geologische Vergangenheit spiegelt sich in den freigelegten Felsformationen und dem steinigen Untergrund wider. Die dort ansässige Bienenfresserkolonie war – wie bereits vermutet – längst in ihre afrikanischen Winterquartiere gezogen. Dennoch war die Wanderung hinauf auf den Hügelkamm lohnend, denn von oben bot sich ein weiter Blick über die Donauauen und die sanft geschwungene Landschaft – ein ruhiger, würdiger Abschluss meiner Naturbeobachtungen. Rechtzeitig zum Sonnenuntergang fand ich in Bratislava wider Erwarten doch noch einen Parkplatz am Donauufer. Die Burg Bratislava thronte auf der gegenüberliegenden Seite als barockes Schloss 85 Meter über der Donau und gilt als das weithin sichtbares Wahrzeichen der slowakischen Hauptstadt. Gerne hätte ich die Stadt ein wenig erkundet, mangels guten Übernachtungsmöglichkeiten in Stadtnähe machte ich mich allerdings zeitnah auf den Weg Richtung Tschechien.
Tagesziel: Prag, geplante Strecke: 330 km in 4h, Zwischenstopps: Sedlec-Ossarium; Als Zwischenstopp auf dem Weg zur letzten europäischen Hauptstadt hatte ich mir ein Ticket für das Sedlec-Ossarium gebucht. Das Beinhaus von Sedlec ist eine weltberühmte Knochenkirche, die mit den Gebeinen von etwa 40.000 bis 70.000 Menschen künstlerisch ausgestaltet ist. Die Gebeine stammen hauptsächlich aus dem 14. und 15. Jahrhundert (Pest/Hussitenkriege) und wurden im 19. Jahrhundert vom Holzschnitzer František Rint zu Kronleuchtern, Wappen und Girlanden arrangiert. Das Fotografieren ist dort nicht mehr erlaubt, seit vor ein paar Jahren unangebrachte Posen und manipulierte Bilder erstellt wurden. Entsprechend kurzweilig war mein Besuch dieser etwas anderen Station der Tour. Da ich auf dem Umweg auch noch 12 Euro für das Durchfahren einer gesperrten Straße bei einer Polizeikontrolle blechen durfte, startete der Tag nicht ganz so lustig. Besserung war allerdings auch schon in Sicht. In Prag fand ich einen perfekten Übernachtungsplatz für Wohnmobile in unmittelbare Nähe des Stadtzentrums. Wenn ich mir etwas weniger Fotospots ausgesucht hätte, wäre ich wohl zu Fuß gegangen. Bei der Fülle an interessanten Orten und Sehenswürdigkeiten nutzte ich aber gern wieder das Mountainbike. Am frühen Nachmittag erkundete ich bei wolkenverhangenem Himmel die ersten Fotospots. Zuerst machte ich mich auf die Suche nach dem Aussichtspunkt, von dem man die vielen unterschiedlichen Moldau-Brücken überblicken kann. Zum Glück fand ich ihn frei zugänglich am Hanau-Pavillon, von wo sich ein beeindruckendes Panorama über die Stadt eröffnete. Die Bögen der Brücken spannten sich wie aneinandergereihte Kapitel Geschichte über den Fluss. Anschließend führte mich mein Weg hinauf zur Prager Burg. Dort begrüßte mich zuerst das Lustschlösschen der Königin Anne, den Letohrádek královny Anny, ein elegantes Renaissancejuwel auf dem Prager Hrad. Es gilt als eines der bedeutendsten Beispiele der Renaissancearchitektur nördlich der Alpen und beeindruckt mit seinen filigranen Arkaden und harmonischen Proportionen. Direkt daneben erstreckt sich der Königliche Garten, der im 16. Jahrhundert angelegt wurde und mit gepflegten Rasenflächen, exotischen Pflanzen und stillen Wegen eine grüne Oase bildet. Unweit davon steht das historische Ballhaus, das einst für höfische Feste und Spiele genutzt wurde und heute als Ausstellungsraum dient. Auch der Präsidentensitz befindet sich im Burgareal, denn die Prager Burg ist bis heute offizieller Amtssitz des tschechischen Staatsoberhauptes. Ihre Ursprünge reichen bis ins 9. Jahrhundert zurück, als die ersten Befestigungen errichtet wurden. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs sie zu einem weitläufigen Komplex aus Palästen, Kirchen und Höfen heran. Im Zentrum des Areals erhebt sich der imposante Veitsdom, dessen Bau im Jahr 1344 unter Kaiser Karl IV. begann. Die gotische Kathedrale wurde jedoch erst im 20. Jahrhundert vollendet, was ihr eine architektonische Vielfalt über mehrere Epochen hinweg verleiht. Besonders eindrucksvoll sind die farbenprächtigen Glasfenster, darunter auch ein modernes Werk von Alfons Mucha. Im Inneren befinden sich die Grabstätten böhmischer Könige und römisch-deutscher Kaiser. Die Burg selbst gilt als eines der größten geschlossenen Burgareale der Welt. Ihre Mauern spiegeln die Geschichte Böhmens wider – von der P?emysliden-Dynastie über die Habsburger bis zur modernen Republik. Trotz der vielen Besucher lag eine besondere Atmosphäre über den Höfen, die im Laufe des Abends immer ruhiger wurden. Am mittlerweile trüben Vorabend hatte ich großen Spaß daran, mit langen Belichtungszeiten zu experimentieren. Die ziehenden Wolken verwandelten sich in weiche Schleier am Himmel, während die beleuchteten Fassaden der Burg in sanftem Licht erstrahlten. Vorübergehende Menschen erschienen auf den Bildern nur noch als schemenhafte Gestalten, fast wie Geister, die durch die Geschichte der Mauern wanderten. So bekam dieser Ort nicht nur historisch, sondern auch fotografisch eine ganz eigene, beinahe magische Dimension. Am Schwarzen Turm, dem östlichen Ausgang der Burg, bot sich ein weiter Blick über die roten Dächer der Altstadt bis hin zur ruhig dahinfließenden Moldau. Von hier oben wirkte Prag wie ein lebendiges Gemälde, durchzogen von Türmen, Kuppeln und den geschwungenen Linien des Flusses. Viel Zeit nahm ich mir anschließend für die weltberühmte Karlsbrücke. Zunächst fotografierte ich sie vom Ufer der Moldau aus, wo sich die Bögen majestätisch im Wasser spiegelten und die Türme wie Wächter über dem Fluss standen. Später mischte ich mich direkt ins Gewühl der Menschenmenge auf der Brücke, stellte mein Stativ zwischen Pflastersteinen und Figuren auf und arbeitete mit Filtern für lange Belichtungszeiten. Während um mich herum das geschäftige Treiben pulsierte, verwandelten sich die Passanten auf meinen Aufnahmen in fließende Schatten. Bis zur einsetzenden Dunkelheit blieb ich dort, beobachtete, wie die Laternen warm aufleuchteten und die Karlsbrücke Schritt für Schritt in ein atmosphärisches Lichtermeer tauchten. Die Karlsbrücke wurde im Jahr 1357 unter Kaiser Karl IV. als steinerner Nachfolger der Judithbrücke begonnen, die zuvor von einem Hochwasser zerstört worden war. Über Jahrhunderte hinweg war sie die einzige feste Verbindung zwischen Altstadt und Kleinseite und damit das wichtigste Tor zur Stadt. Händler, Könige und ganze Krönungszüge zogen über ihr Pflaster, wodurch sie zu einer Lebensader Prags wurde. Ihre 30 barocken Heiligenfiguren, die ab dem 17. Jahrhundert ergänzt wurden, verliehen ihr nicht nur religiöse Bedeutung, sondern auch repräsentativen Glanz. Bis ins 19. Jahrhundert war sie Teil der sogenannten Königsstraße – jenes feierlichen Weges, den die böhmischen Herrscher auf dem Weg zur Krönung auf der Prager Burg beschritten. Auf dem Rückweg zum Globetrotter kundschaftete ich noch weitere Fotolocations des nächsten Tages aus und freute mich auf einen frühen Morgen in dieser Stadt.
Tagesziel: Burg Loket, geplante Strecke: 150 km in 2h, Zwischenstopps: Karlsbad; Die Lichter Prags, der Stadt der hundert Türme und Brücken genoss ich am frühen stillen Morgen kurz vom mir mittlerweile bekannten Aussichtspunkt. Rechtzeitig zur blauen Stunde fand ich mich dann aber schon in der Prager Altstadt wieder. Der Altstädter Ring lag noch fast menschenleer vor mir, als hätte die Stadt für einen kurzen Moment den Atem angehalten. Als ältester Platz Prags ist er seit dem Mittelalter das Herz der Stadt – Schauplatz von Märkten, Festen, aber auch von Aufständen und Hinrichtungen. Die pastellfarbenen Fassaden der Bürgerhäuser leuchteten sanft im kühlen Licht, während sich über ihnen die Türme wie eine steinerne Krone erhoben. Unübersehbar ragt das Altstädter Rathaus mit seiner berühmten astronomischen Uhr empor. Die Prager Rathausuhr, 1410 erstmals in Betrieb genommen, zählt zu den ältesten noch funktionierenden astronomischen Uhren der Welt. Neben der Anzeige von Stunden und Minuten zeigt sie auch die Position von Sonne und Mond, die Tierkreiszeichen sowie die alte böhmische Zeitrechnung. Zur vollen Stunde setzen sich die Apostelfiguren in Bewegung, während darunter allegorische Gestalten wie der Tod an der Glocke ziehen. Selbst im Morgengrauen, wenn noch kaum Besucher dort stehen, strahlt sie eine beinahe mystische Faszination aus. Gegenüber erhebt sich die Teynkirche mit ihren markanten, ungleich hohen Türmen, die wie dunkle Flammen in den Himmel ragen. Ihr gotisches Erscheinungsbild prägt seit dem 14. Jahrhundert die Silhouette des Platzes und diente einst als Hauptkirche der hussitischen Bewegung. Nicht weit entfernt steht die barocke St.-Nikolaus-Kirche, deren helle Fassade und elegante Kuppel einen harmonischen Kontrast zur strengen Gotik bilden. Gemeinsam formen diese Bauwerke ein architektonisches Ensemble, das die wechselvolle Geschichte Böhmens widerspiegelt. Über die schmale Karlova-Straße, einst Teil des königlichen Krönungswegs, schlenderte ich weiter in Richtung Moldau. Das Kopfsteinpflaster glänzte noch leicht vom Tau, und die ersten Sonnenstrahlen tasteten sich vorsichtig zwischen die Häuser. Schließlich erreichte ich die Karlsstatue vor der Brücke, die an ihren berühmtesten Bauherrn erinnert. Durch den Altstädter Brückenturm, dessen gotische Ornamente im weichen Morgenlicht besonders plastisch wirkten, betrat ich erneut die Karlsbrücke. Die Statuen entlang der Brüstung lagen nun im warmen, goldenen Licht der aufgehenden Sonne. Jeder Heilige, jede Figur erzählte stumm ihre eigene Geschichte, während unter mir die Moldau gemächlich dahinfloss. Für einen kurzen Moment gehörte dieser weltberühmte Ort gefühlt nur mir und dem leisen Erwachen der Stadt. Prag zeigte sich in diesem Augenblick nicht als touristisches Postkartenmotiv, sondern als lebendige, geschichtsträchtige Seele aus Stein, Licht und Zeit. Gegen Nachmittag schwenkte das Wetter nun endgültig um. Bei spätherbstlichen Temperaturen und einem grauen, tiefhängenden Himmel erreichte ich Karlsbad. Ein kühler Wind zog durch das Tal der Teplá, und der Kurort wirkte beinahe ein wenig entrückt, als würde er sich langsam in die ruhigere Jahreszeit verabschieden. Entlang der eleganten Kolonnaden dampfte das heiße Thermalwasser aus den Brunnen, während sich vereinzelt Kurgäste mit ihren charakteristischen Keramikbechern von Quelle zu Quelle bewegten. Diese typischen Karlsbader Oblaten und die Schnabeltassen – oft liebevoll verziert und mit einem kleinen Trinkröhrchen versehen – gehören hier einfach dazu. Die Oblaten, hauchdünn, rund und meist mit Nuss-, Vanille- oder Schokoladenfüllung, werden seit dem 19. Jahrhundert gebacken und sind bis heute ein süßes Wahrzeichen der Stadt. Ursprünglich wurden sie als leichte Zwischenmahlzeit für die Kurgäste gereicht, heute sind sie aus keinem Spaziergang durch die Innenstadt wegzudenken. Karlsbad selbst, gegründet im 14. Jahrhundert unter Kaiser Karl IV., entwickelte sich rasch zu einem der bedeutendsten Kurorte Europas. Dichter, Komponisten und Staatsmänner – von Goethe bis Beethoven – flanierten einst über die prächtigen Promenaden. Die pastellfarbenen Jugendstil- und Neorenaissancefassaden verleihen der Stadt bis heute ein mondänes Flair. Trotz des ungemütlichen Wetters hatte der Ort mit seinen geschwungenen Kolonnaden, dem aufsteigenden Dampf und dem Duft frischer Oblaten eine ganz eigene, fast nostalgische Atmosphäre, welche ich bei einer Wanderung zu einem Aussichtpunkt hoch über den Dächern gut einfangen konnte. Noch am Abend erreichte die letzte Burg dieser Tour. Hoch über einer engen Flussschleife der Eger erhebt sich die Burg Loket wie ein steinernes Bollwerk aus einer anderen Zeit. Bereits im 12. Jahrhundert gegründet, diente sie lange als königliche Grenzfestung zum Schutz des böhmischen Reiches. Ihre massiven Mauern und der wuchtige Turm erzählen von Macht, Kontrolle und Jahrhunderten wechselvoller Geschichte. Nach einem verheerenden Brand im Jahr 1725 verlor die Burg jedoch zunehmend an Bedeutung. 1822 wurde sie schließlich zu einem Gefängnis umgebaut – eine Funktion, die sie bis 1948 beibehielt. Damit war sie auch während des Zweiten Weltkriegs als Haftanstalt in Betrieb, und ihre dicken Mauern schlossen nun nicht mehr Ritter oder Adlige ein, sondern Gefangene verschiedenster Herkunft. Die kalten Zellen, schmalen Fenster und schweren Türen lassen bis heute erahnen, wie hart und trostlos der Alltag hier gewesen sein muss. Als ich am späten Abend vor der Burg stand, zogen dunkle Wolken in raschem Tempo über den Himmel. Die düstere Stimmung passte auf beinahe unheimliche Weise zur Geschichte dieses Ortes – als hätten die Mauern selbst all das Leid und die Schwere der vergangenen Jahrhunderte gespeichert. Zwischen Windböen und ziehenden Schatten wirkte Loket weniger wie eine romantische Mittelalterburg, sondern vielmehr wie ein stiller, ernster Zeuge der Zeit.
Tagesziel: Schönfeld, geplante Strecke: 50 km in 0,5h, Zwischenstopps: keine; Krásno oder Schönfeld, wie ich es aus Erzählungen kenne, ist der Geburtsort meines Großvaters. Entsprechend wollte ich diesen Ort schon seit einer ganzen Weile besuchen und an diesem Tag war es dann endlich soweit. Schönfeld, ein kleines Dorf im damaligen Sudetenland, war über Jahrhunderte hinweg von deutschsprachiger Bevölkerung geprägt. Wie viele Orte in den Grenzregionen Böhmens gehörte es bis 1918 zur Habsburgermonarchie und wurde nach dem Ersten Weltkrieg Teil der neu gegründeten Tschechoslowakei. Die politischen Spannungen zwischen der tschechischen Regierung und der deutschen Minderheit nahmen in den 1930er-Jahren zu, bis das Gebiet 1938 infolge des Münchner Abkommens dem Deutschen Reich angegliedert wurde. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 kehrte das Sudetenland zur Tschechoslowakei zurück – und für die deutschstämmige Bevölkerung begann eine dramatische Zeit. Auf Grundlage der sogenannten Beneš-Dekrete wurden die meisten Deutschen enteignet und vertrieben. Auch in Schönfeld mussten viele Familien innerhalb kürzester Zeit ihre Häuser, Höfe und ihre gesamte Existenz zurücklassen. Die Transporte führten meist in die späteren Besatzungszonen Deutschlands oder nach Österreich. In der Ortschaft selbst – übrigens einer der ältesten Bergstädte Böhmens – leben heute nur noch rund 600 Einwohner. Entsprechend überschaubar war das, was es zu erkunden gab, und doch lag über den schmalen Gassen ein stiller, fast zeitloser Charme. Hoch oben auf einer Anhöhe über dem Ort erhebt sich jedoch ein steinerner Aussichtsturm, den ich bereits von Fotografien kannte – und dessen kleines Zinnmodell sogar bei mir zu Hause im Regal steht. Trotz eines vollkommen verregneten und kalten Tages machte ich mich auf den Weg dorthin. Der von moosüberdeckten Ästen und Steinen umsäumte Pfad führte durch einen dunklen Wald entlang eines künstlich angelegten Flößgrabens, der einst für den Bergbau genutzt wurde und noch heute von der industriellen Vergangenheit der Region erzählt. Tropfen fielen gleichmäßig von den Ästen, während ich Schritt für Schritt dem Turm näherkam. Am Aussichtspunkt angekommen, stieg ich die spiralförmig um den Turm verlaufenden steinernen Stufen hinauf. Oben angekommen erwartete mich – nichts. Dichte Nebelschwaden verschluckten jede Aussicht, ließen die Landschaft unsichtbar werden und hüllten alles in milchiges Grau. Und doch hatte dieser Moment seinen ganz eigenen Reiz: eine stille, fast mystische Atmosphäre, in der weniger das Panorama zählte als das Gefühl, dort oben zu stehen.
Am Abend dieses vorletzten Tags meines Fotoabenteuers war die Anzahl geschossener Fotos und die Anzahl zurückgelegter Fahrt-Kilometer fast genau identisch. Der Tacho zeigte 6303 Kilometer an, mein Bildbearbeitungsprogramm 6306 Fotos. Ein wirklich lustiger Zufall, der mir beim Ablesen des Kilometerstands am letzten Tankstopp der Tour und der Bearbeitung der Bilder an diesem verregneten Tag aufgefallen ist. Pro Kilometer also ein Foto.
Tagesziel: Bamberg, geplante Strecke: 150 km in 2h, Zwischenstopps: keine; Hach, Bamberg! Wie immer so schön! Das Frühstücken, Quatschen und Zusammensitzen mit Tante, Onkel und Cousin – einfach perfekt. Bamberg diesmal ganz bewusst mit der Kamera in der Hand und mit zwei großartigen „Fremdenführern“ an meiner Seite zu entdecken, machte riesig Spaß und ließ mich die Stadt noch einmal neu sehen. Unser Weg führte uns zunächst über den Grünen Markt, das geschäftige Herz der Altstadt. Zwischen Marktständen, Cafés und historischen Fassaden entdeckten wir auch den „Gabelmoo“, jene sagenumwobene Figur im Neptun-Brunnen, die einen Mann mit einer Gabel zeigt – halb Spottfigur, halb Wahrzeichen, um das sich bis heute kleine Anekdoten und Legenden ranken. Überhaupt spürt man hier auf Schritt und Tritt, dass Bamberg keine gewöhnliche Stadt ist. 1993 wurde die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt – als eines der größten unversehrt erhaltenen historischen Stadtzentren Europas. Ein Pflichtstopp war natürlich das Schlenkerla in der Dominikanerstraße. Das berühmte Rauchbier, nach alter Tradition über Buchenholz geräuchert, polarisiert – und begeistert. Für mich zählt es ganz klar zu den besten Bieren überhaupt. In den dunklen Stuben mit ihren niedrigen Decken fühlt man sich unweigerlich um Jahrhunderte zurückversetzt, als Händler, Handwerker und Reisende hier einkehrten. Hoch über der Stadt thront der Bamberger Dom, eines der bedeutendsten Bauwerke der deutschen Spätromanik. Er wurde im 13. Jahrhundert geweiht und beeindruckt mit seinen vier markanten Türmen, die das Stadtbild prägen. Im Inneren befindet sich der berühmte „Bamberger Reiter“, eine der rätselhaftesten mittelalterlichen Skulpturen Europas, sowie das Grab des einzigen heiliggesprochenen Kaiserpaares des Heiligen Römischen Reiches, Heinrich II. und Kunigunde. Bamberg selbst wurde im Jahr 1007 von Heinrich II. zum Bistum erhoben und entwickelte sich rasch zu einem geistlichen und politischen Zentrum. Nicht weniger ikonisch ist das Alte Rathaus, das malerisch mitten in der Regnitz auf einer künstlichen Insel steht. Der Legende nach verweigerte der Bischof den Bürgern Bauland für ein Rathaus, woraufhin sie es kurzerhand selbst im Fluss errichteten. Die farbenfrohen Fassadenmalereien und die filigranen Fachwerkaufbauten verleihen dem Gebäude eine fast märchenhafte Erscheinung. Es ist ohne Zweifel eines der absoluten Wahrzeichen Bambergs – und ein Motiv, das man einfach immer wieder fotografieren möchte. Zwischen Flussarmen, Brücken, Kirchen und verwinkelten Gassen verbindet Bamberg fränkische Gemütlichkeit mit großer Geschichte. Und genau das macht jeden Besuch – ob mit oder ohne Kamera – aufs Neue besonders. Der Tag war ein würdiger Abschluss eines abenteuerlichen Roadtrips mit dem Globetrotter durch die faszinierende Welt des östlichen Europas – eine Reise, die Kultur, Geschichte und unberührte Natur auf wunderbare Weise miteinander verband. Jeder Kilometer hielt neue Eindrücke, Geschichten und Fotomotive bereit. Die Begegnungen mit Menschen und die stillen Momente inmitten unberührter Natur fügten sich zu einem bunten Mosaik aus Erlebnissen. Wenn ich zurückblicke, spüre ich noch die Aufregung auf engen Bergpfaden, das Staunen vor historischen Fassaden und Gemäuern, das Raunen der Flüsse und das Spiel von Licht und Schatten über weiten Landschaften. All diese Eindrücke machten den Roadtrip nicht nur zu einer Reise durch Länder, sondern auch zu einer Reise durch Zeit, Traditionen und die Seele einer ganzen Region. Am Ende stand die leise Gewissheit, dass solche Erlebnisse weit über die Erinnerungen hinaus in Herz und Kopf nachklingen – und dass das Abenteuer östliches Europa immer noch unzählige weitere Geschichten bereithält.
Tagesziel: die Heimat, geplante Strecke: 170 km in 2h, Zwischenstopps: keine; Pünktlich zur früh samstagsmorgendlichen Lieferung der Semmeln und der Zeitung erreichte ich die Heimat im schönen Spessart.